Marseille-Kiliniken

die Klinik mit eigenen Dachziegeln

In der Wieslocher Ebene gab es viel Ton, aber vielleicht auch Erdöl. Der Bergingenieur Ludwig Schweizer suchte danach und entdeckte das Tonvorkommen. 1895 ersuchte er die Geminde Wiesloch um das Abbaurecht; am 2.5.1896 erhielt er den Vertrag. Die Bedingung dabei war: die Fabrik musste in der Gemeinde verbleiben. Im Gegenzug erhielt er das „immerwährende unfallbare Recht“ zum Abbau.

Wenig später verkaufte er das Abbaurecht an Hartmann. Der gründete zusammen mit dem Steinzeug-Spezialisten Otto Hoffmann und den Berliner Bankiers Bonte die Firma. Am 5.8.1895 wurden auch

Gründungskapital von 360 000 RM wurde 1897 wie folgt aufgebracht:

Heinrich Hartmann, Architekt, Mannheim = 175 000 RM Firma Wehrle & Hartmann, Mannheim = 50 000 RM Otto Hoffmann, Mannheim = 15 000 RM Heinrich Oppenheimer, Kaufmann, Mannheim = 60 000 RM Friedrich Bonte, Bankiers, Berlin = je 20 000 RM 1900 erfolgte die Umwandlung in eine AG; die Firma hatte 88 Mitarbeiter und produzierte 6.6 Mill Dachziegel. 1902 produzierten 313 Mitarbeiter bereits 13 Mill Stück.

Kinderarbeit und Gesicher, auf denen die Arbeit Spuren Hartmann starb 1905, sein Vermögen ging auf in die „Hartmannstiftung“ über, die 1936 in einen Wohlfahrtsverein umgewandelt wurde. Dieser zahlt auch heute noch an ehemalige Mitarbeiter. Das Vermögen der Stiftung betrug 35 000 RM und wuchs jährlich, denn der Gewinn ging zuerst an den Wohlfahrtsverein und erst dann an die Aktionäre. Bis Ende 1960 kamen so 250 000 DM zu stande.

Am 22. Juni 1916 wurde die Firma durch ein Feuer fast total zerstört. 1918 wurde mit dem Wiederaufbau begonnen – bedingt durch den Weltkrieg I. Bereits 1920 hatte die Firma wieder ihren alten Die Inflation in den 1920ern machte viele Mühen wertlos. so auch den Bilanzgewinn von 537 Billiarden Mark. Daraufhin erfolgte am 1.1.1924 die Umstellung auf Goldmark bei einem Eigenkapital von 1.972 Mill RM. Vier Jahre später – 1928 – kam die Wirtschaftskrise und ein langer harter Winter. Da der Ton damals unter freiem Himmel gelagert wurde, musste die Produktion fasst 5 Monate ruhen. Das brachte fast das Aus. Doch Hilfe kam aus der deutschen Pfalz. Die Firma Carl Ludowici aus Jockrim besass 6 Dachziegelwerke und kaufte nun die Aktienmehrheit. Der Geheimrat Ludowici besass mehrere Patente, so auch das auf den auch heute noch gebräuchlichsten Falzziegel Z1.

erbte das Ziegelwerk von seinem Vater, der bei einem Sturz vom Ziegeldach ums Leben kam. Wilhelm`s Hobby waren Ausgrabungen rund um Jockrim. Die hohe Funddichte römischer Scherben brachte Ludowici überhaupt erst auf die Idee, dass dort gute Tonlagerstätten sein könnten.

Qualität der Ziegel sorgte sogar für den Export nach Ostpreusen und Der Weltkrieg II stoppte den Aufschwung. Am 22. März 1945 wurden die Werksanlagen durch einen Bombenangriff zerstört.

Für die 288 Beschäftigten wurde ein Gemeinschaftsraum errichtet. Während der NS-Zeit durfte natürlich die NS-Fahne nicht fehlen. Nach der Zerstörung durch Bomben, wurde 1947 der erste Brennofen wieder in Betrieb gesetzt und 1951 folgte der zweite.

Am 28. Juni 1950 konnte das 50 jährige Jubiläum gefeiert werden.

Tonwarenindustrie Wiesloch ging es steil aufwärts nach dem Kriege, schliesslich mussten viele Häuser und Gebäude neu gedeckt werden. So wurde 1954 für 1.2 Mill DM das grösste deutsche Tonsilo mit einem Fassungsvermögen von 19.000 cbm gebaut. Einen erzwungenen Produktionsstillstand wie 1928 sollte es nicht mehr geben.

Mitte der 1960er Jahre wird ein „zweites Standbein“ gesucht. Es wird nun auch Hartschaum als Dämmstoff produziert. Der Baustoffproduzent Rudolf Brass aus Bad Homburg erwirbt 1970 die Aktienmehrheit von TIW.

Der Vorstand denkt über einen Rückzug aus dem Tonziegelgeschäft nach und gründet eine Grundstücksgesellschaft. 1984 erwirbt die I.G. Farben i.L. rund 30 % der Aktien und kontrolliert danach die AG mehrheitlich..

Rudolf Braas ist inzwischen wieder ausgestiegen.

1989 kommt das Aus; die Schulden betragen 20 Mio DM. Die Stadt Wiesloch kauft für 40 Mio DM die Tongrube und will sie als Mülldeponie benutzen. Mit diesem Geld werden die Schulden getilgt und der Rest in Aktien angelegt, die von der TIW Beteiligungs- und Grundbesitz AG mit Sitz in Frankfurt/Main verwaltet werden.

die Ziegelproduktion am Ende – aber mit einer neuen Idee ging es weiter. Der AG-Titel wurde günstig von der Marseille-Kliniken GmbH gekauft. Die wollte unbedingt eine Aktiengesellschaft werden, denn nur so floss genug Geld für Rückblickend betrachtet, war TIW eine soziale Firma.

Das Management erkannte, dass eine Aktie nicht allein den Wert des Unternehmens darstellte, sondern auch die Motivation und die Kompetenz der Mitarbeiter. So gab es Werkswohungen, eine Betriebskrankenkasse und auch eine Betriebskantine (seit 1900) – die sorgte selbst in den Jahren der Wirtschaftskrise immer für ein warmes Essen.

Betriebskrankenkasse kann man heute neidisch zurückblicken. Bis 1949 betrug der Beitragssatz nur 2%, ab 1.6.1949 dann 5%, wobei wie heute der Arbeitgeber 50% trug. Es gab freie Arztwahl, freie Arzneimittel. Durch den drastischen Personalabbau 1974 wurde die eigene Krankenkasse aufgelöst und alle kamen zur AOK.

Marseille-Kliniken – Statt Tonziegel nun Kranke 1984 eröffnete der Bremerhavener Kaufmann Theo Marseille und Ulrich Hansel in Langen/Niedersachsen den ersten Seniorenwohnpark. Die Geschäfte gingen gut – besonders durch die deutsche Wiedervereinigung. Hier wurden zwischen 1991 – 1994 zwanzig der ehemaligen „Feierabendheime“ übernommen – viele in sehr schlechtem Standbein wurde 1991 die medizinische Rehabilitation eingeführt, mit der Teufelsbadklinik in Bad Klosterlausitz/Thüringen und in Blankenburg/Harz.

1994 wurde ein Umsatz von 94 Mill DM erzielt. Um aber noch weiter nach vorn stossen zu können, musste externes Geld her – am besten von Deshalb erfogte am 10.Juni 1994 der Kauf der TIW. Die TIW selbst war natürlich uninteressant, wichtig war der vorhandene AG-Titel.

Denn eine neue AG zu gründen kostet viel – eine praktisch nur noch auf dem Papier existierende AG zu kaufen, die dann umzubenennen beträchtlich Der Name der TIW wurde dann auch schnell in Marseille-Kliniken AG geändert. Am 1. Juni 1996 erfolgte über eine Kapitalerhöhung das Einbringen aller Marseille-Unternehmen.

Heute bietet das Unternehmen ca. 3 600 pflegebedürftigen Menschen ein zuhause, hinzu kommen nochmals ca. 2 000 Betten in 12 Rehabilitationskliniken (40 % des Umsatzes). Ein drittes Standbein – Akut Krankenhäuser – sollen hinzukommen. Qualifizierte Pflegeleistung, medizinische Rehabilitation, akut Krankenhäuser – aber nicht nur für die, denen ein Dachziegel auf den Kopf fiel.