Emder Heringsfischerei

Immer diese Römer. Gajus Julius Caesar (100 – 44 v. Chr.) schrieb 50 v. Chr. schon über die Sitten der Barbaren an den Küsten der Nordsee, die vom Fang silberner Fische ihr Leben bestritten. Den entscheidenden Aufschwung aber erhielt der Hering vor 600 Jahren durch Jan Pieter Beukelzoon. Dieser erfand 1395 das Kehlen, eine bestimmte Schälmethode. Kombiniert mit Salz machte sie den Hering genussreif – der Siegeszug des Matjes begann.

Es waren wohl holländische Fischer, die auf der äußeren Ems und im Dollart Heringe fingen. Da bemerkten auch die Emder selbst, daß damit Geld zu machen war.

Um 1600 gab es dann die ersten Heringsfangschiffe. Allerdings nicht lange. Ca. 1640 wurde der Heringsfang wieder eingestellt.

Im 16. Jahrhundert war Emden, mit 52.000 Einwohnern die größte Stadt und der bedeutendste Wirtschaftsplatz Auf Anordnung der preußischen Regierung wurde 1768 der Heringsfang wieder aufgenommen und zur Ankurbelung wurden sogar Prämien gezahlt. (Subventionen gab es auch damals schon). Am 18.10.1768 unterbreitet Friedrich der Große den Vorschlag zur Gründung einer „Emder Heringsfischerei Kompanie“. Die Gründung erfolgte, aber der Aktienverkauf verlief schleppend. So waren am 6.5.1769 erst 114 Aktien für 22.900 holl. Gulden gezeichnet. Am 9.8.1769 erfolgte dann die Gründung mit einem Kapital von 60.000 holl. Gulden. Die ersten Schiffe liefen Anfang 1770 aus.

Im Frühjahr 1806 blockierte England die Mündungen der Weser, Ems und Elbe und brachte damit den Heringsfang zum Erliegen (Kontinentalsperre). Am 27.11.1810 wurde daraufhin die Gesellschaft aufgelöst.

Erst als Ostfriesland 1866 wieder preußisch wurde, kamen auch Interessen an einem Fischfang wieder auf. Der Reichstagsabgeordnete W. von Freeden vertrat Ostfriesland im Reichstag des Nordischen Bundes. 1870 warb er bei der Emdener Handelskammer für die Fischerei.

In Holland war die Fischerei ein bedeutender Industriezweig und eine Kommission sollte dies untersuchen. Das Ergebnis war die Schrift „Der holländische Härings- und Frischfischfang, Emden 1871“. Man fand, daß die Holländer vorallem andere Netze benutzten. Daraufhin gab es grünes Licht für einen Neubeginn im Emdener Fischfang. Um keine neuen Schiffe bauen zu müssen, kaufte man 6 Schiffe von einem Holländer zum Preis von 126.000 Gulden. Daraufhin wurde am 2.4.1872 die „Emder-Häringsfischerei-Actien-Gesellschaft“ gegründet. Das Grundkapital betrug 100.000 Thaler, aufgeteilt in 1000 Aktien.

Die Fischerei wurde am 30.6.1872 aufgenommen. Das erste Fangschiff fing 113 t Hering. Es gab aber auch Enttäuschungen, besonders von der Aktionärsseite. Am Jahresende 1872 waren nur 451 Aktien voll eingezahlt. 549 Aktien waren nur teilweise eingezahlt. Statt 100.000 Thaler, waren nur 83.400 Thaler in der Kasse. Außerdem fehlte es an schiffahrtskundigen Seeleuten, was allerdings seltsam erscheint. Es fehlte aber auch an Frauen, die das Netzsticken und -reparieren besorgen sollten. Traditionell war es die Aufgabe von Frauen gewesen, die in den Fanggründen zerrissenen Netze wieder zu flicken, wie es auch Max Liebermann 1894 in der Radierung „Netzflickerinnen“ festgehalten hat. Bis zu 11,5 Stunden saßen die Netzflickerinnen z. B. während der Wintermonate, da die Heringslogger von Juni bis November in den Fanggebieten unterwegs waren, in kalten Räumen, um die etwa 30 Meter langen Netze, die zusammen als Netzbank eine Länge von 4 Kilometern erreichen konnten, per Hand zu reparieren.

Auch die Heringsfänge gingen zurück.

Trotzdem wurde eine Dividende von 2.75% bezahlt.

Um Geld in die Kasse zu bringen, wurde eine zweite Aktienausgabe von 100.000 Thalern zu 1.000 Aktien beschlossen. Die erste Aktienausgabe war zwar inzwischen vollständig einbezahlt, von der zweiten wurden aber nur 431 Aktien verkauft. Anstelle von 200.000 Thalern, standen somit nur 143.000 Thaler zur Verfügung.

1875 gab es den ersten Verlust. Zur Rettung der Gesellschaft, gab der preußische Staat ein unkündbares Darlehen von 150.000 Mark. Danach gingen die Geschäfte gut. Das Darlehen wurde sogar 1893 zurückgezahlt.

Durch die guten Erfolge des Fischfangs beflügelt, wurden zwei weitere Fischereien gegründet.

1899 die „Heringsfischerei Dollart AG“ und 1904 die „Große Kurfürst Heringsfischerei AG“.

An beiden Neugründungen war die „Emder“ beteiligt.

Während des Weltkrieges I ruhte der Fischfang und wurde erst im August 1919 wieder aufgenommen.

1921 erfolgte eine Kapitalerhöhung auf 2 Millionen Mark. Nach der Inflation wurde das Grundkapital auf 800.000 RM herabgesetzt (2000 Aktien/400 RM).

Vegesack, Emden, Leer, Elsfleth, Brake, Nordenham, Bremerhaven – für sie alle bedeutete »König Hering« pulsierendes Treiben an den Kajen, Profil für die örtliche Wirtschaft und Existenzmöglichkeiten für die Menschen bis nach Ostfriesland und entlang der Weser. 1930 waren beim Arbeitsamt Nienburg zeitweise 1000 Heringsfänger gemeldet, in Windheim über 500. Die Kapitäne der Heringslogger kamen traditionell aus dem Raum Minden, Schaumburg und aus Bückeburg. Den Hering zu fangen und an Land weiterzuverarbeiten war schwerste körperliche Arbeit, von den Jantjes, den Seeleuten an Bord der Logger, oft im Akkord verrichtet. 100 Arbeitsstunden in der Woche auf See waren keine Seltenheit.

Im Weltkrieg II ruhte ebenfalls der Fischfang. Die Boote wurden als Kriegshilfsschiffe (Vorposten, Hafenschutz) eingesetzt. Dabei gingen von ursprünglich 82 Schiffen 20 verloren.

Im November 1945 wurden in Emden und Leer wieder je 3 Schiffe eingesetzt.

Im September 1961 fusionierten die 3 großen Heringsfischerein – „Emder Heringsfischerei“, „Großer Kurfürst“ und „Leerer Heringsfischerei“ – und wandelten sich in eine GmbH um. Im März 1969 wurde der Sitz von Emden nach Bremerhaven verlegt. Im Geschäftsjahr 1969 betrugen die Verluste über 4 Millionen DM. Am 17.1.1975 erfolgte die Liquidation.

Das Auftreten des Herings an den Küsten der Nordseeländer in Schwärmen von Millionen Tieren hat immer verwundert und fasziniert und ließ ihn zu einem besonderen Forschungsobjekt werden. Für alle Zeiten unerschöpflich schienen seine Bestände und waren es dann letztlich doch nicht.

Die Verarbeitung des Herings an Bord, das Kehlen und Salzen, wurde von 1872 bis 1976 unverändert beibehalten und als Qualitätsmerkmal für den Matjes sogar höchstrichterlich festgeschrieben. Wenn auch die Loggerfischerei in der Regel rückständiger war als die Dampferfischerei, so spiegeln sich in ihrer Geschichte dennoch auch einhundert Jahre Technikgeschichte Die Entwicklung der Fischereigesellschaften ist eingebunden in ein Jahrhundert politischer Geschichte des Kaiserreiches, der Weimarer Republik, des Dritten Reiches und der Bundesrepublik. Die Gründung der Firmen als Aktiengesellschaften war ausschließlich durch das Gewinnstreben der Aktionäre motiviert. Das konnte die Fischerei allein nicht befriedigen. Entscheidend für die Gründung zahlreicher Heringsfischereigesellschaften in den zwanzig Jahren vor Beginn des Ersten Weltkrieges war die Subventionspolitik der Reichsregierung, die in den 1880er Jahren einsetzte und die noch gerade rechtzeitig die in Schwierigkeiten geratene, 1872 gegründete Emder Gesellschaft rettete. Hinter dieser Subventionspolitik standen Überlegungen zur Aufrüstung und personellen Besetzung der Kriegsflotte. Von Anfang an bis zu ihrem Ende arbeiteten die deutschen Heringsfischereigesellschaften defizitär und waren auf Zuschüsse der öffentlichen Hand angewiesen.

Die Emder Heringszeittafel Erste Erwähnung der Emder Heringsfischerei Preußisches Privileg für eine Emder Heringsfischereikompanie Auslaufen des Privilegs Auflösung der Gesellschaft Gründung von fünf privaten Fischereigesellschaften Zusammenschluss der fünf Gesellschaften zur „Großen Fischerey“ Verlagerung der Gesellschaft des Kaufmanns Abegg nach Enkhuizen/ Niederlande Übersiedelung einer niederländischen Fanggesellschaft nach Emden und Neugründung als „Emder Heringsfischerei Aktien- Gesellschaft“.

Übersiedelung der niederländischen „Heringsfischerei- Aktiengesellschaft Neptun“ nach Emden.

Gründung der „Heringsfischerei Dollart-Aktien-Gesellschaft“.

Gründung der „Großer Kurfürst Heringsfischerei Aktien-Gesellschaft“ Großbrand auf dem Gelände der „Heringsfischerei-Aktiengesellschaft Neptun“ und Auflösungsbeschluss der Gesellschafter Wiederaufnahme der Fangbetriebe nach dem I. Weltkrieg Beteiligung der Unternehmen an der Deutschen Heringshandelsgesellschaft Wiederaufnahme der Fangfahrten nach dem II. Weltkrieg Übergabe der Landanlagen der Heringsfischerei Dollart AG an die Emder Heringsfischerei AG Fusion der Gesellschaften „Großer Kurfürst“ und „Dollart“ Übernahme der Verwaltung der Glückstädter Heringsfischerei Aktiengesellschaft Zusammenarbeit mit der „Leerer Heringsfischerei A.G.“ Zunahme der Krise in der deutschen Heringsfischerei Umwandlung der drei Heringsfischereien (Emder Heringsfischerei AG, Großer Kurfürst Heringsfischerei AG und Leerer Heringsfischerei AG) in Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH) unter einer Geschäftsführung.

Gemeinsamer Landbetrieb der drei ostfriesischen Gesellschaften am II. Hafeneinschnitt in Emden Verlegung des Firmensitzes nach Bremerhaven, Schließung der Emder Landanlage und Einstellung der Fangfahrten Offizieller Liquidationsbeschluss Ende der Liquidation